TR-Camp 2017 – Mooskirchen

Spezialausbildung für Feuerwehr- und Rettungskräfte
Es gibt eine markante Übereinstimmung zwischen den Trainer- und dem Referenten-Team des TR-Camps: Jeder Einzelne der internationalen Gruppe ist eine Kapazität auf seinem Gebiet. Man harmoniert untereinander und bringt Spaß an der Ausbildung mit – genau dieser Esprit begeistert die Teilnehmer.

Jede Kameradin und jeder Kamerad hat so sein ganz besonderes Steckenpferd. Bei den Ausbildern des TR-Camps (Technical Rescue Camp) sind dies wohl die technische Hilfeleistung und die Erstversorgung von Verletzten nach Unfällen, denn hier kann kaum jemand dem Praktiker-Kollektiv aus Deutschland und Österreich das Wasser reichen.

TR-Camp - Impressionen

Entstanden ist das TR-Camp im Bestreben, eine Ausbildungsveranstaltung für Feuerwehr und Rettungsdienst zu schaffen, „wobei das gemeinsame, effektive Arbeiten sowie die Wissensvermittlung innerhalb der beiden Einsatzorganisationen im Fokus stehen“, so der TR-Camp-Mitgründer, Rettungssanitäter und Feuerwehrkamerad Florian Prosch (Zirl / Tirol). Und bereits beim ersten TR-Camp, 2014 – Meggenhofen (OÖ), fanden sich viele Teilnehmer, die an zwei Tagen bei verschiedenen, aber stets fordernden Einsatzszenarien das Gelernte umsetzten. 2015 stand in St. Georgen im Attergau (OÖ) das Thema „Teamwork“ auf dem Plan, das in vielen kleinen Workshops bearbeitet wurde. Im Jahr darauf, abermals in Oberösterreich, und zwar in Kirchdorf an der Krems, drehte sich alles um TH-Sonderlagen: Eine enorme Herausforderung an die Technik und Taktik der Feuerwehr, aber auch – wegen der unterschiedlichen Verletzungsmuster – für den Rettungsdienst.
Doch nun genug der nostalgischen Ausflüge! Widmen wir uns der spannenden Gegenwart und richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die beiden Ausbildungstage am 22. und 23. April in Mooskirchen (Stmk.).

Vorbereitung für die Praxis
Vorweg wird Tatendurst noch eingebremst, denn an den beiden Vormittagen, den theoretischen Teilen, müssen die Feuerwehr- und Rettungskräfte noch in den Lehrsälen ausharren. Im Blickpunkt liegen die Taktik und das Einschätzen von schweren Lasten; für Teilnehmer aus dem Rettungsdienst geht man auf die Gefahren und das Beurteilen derartiger Unfälle ein. Was kann dabei die Feuerwehr leisten und wo sind deren Einsatzgrenzen? Jedes Detail wird von den Ausbildern kritisch beleuchtet: Man spricht über Verletzungsmuster und Stressbewältigung, über Rettungstechniken und Teamressourcenmanagement. Aufbauend auf die fünf Phasen des Einsatzes werden die Beurteilung von Verletzten, der Traumacheck (golden hour of shock) sowie die Zusammenarbeit mit dem Rettungshubschrauber-Team besprochen – all dieses braucht es, um an den vorbereiteten acht Praxisstationen vernünftig arbeiten zu können.

Aber Feuerwehrkameraden sind, allein wegen ihres Tatendrangs, weniger Freunde der notwendigen Theorie als der Praxis. Wie schafft man es also, eine feuerwehrspezifische Veranstaltung zu organisieren, mit der es gelingt, die Einsatztechniken, den Teamgeist sowie die Zusammenarbeit zweier Hilfsorganisationen bzw. Körperschaften zu fördern? Ganz einfach: Man stellt eine „Spielwiese“ mit Übungsobjekten bereit, wo der Protagonist technisches Gerät, das er sonst nicht so häufig braucht, an seine Grenzen bringen kann. Die Gelegenheit, dieser Leidenschaft zu frönen und einmal ordentlich Hand anzulegen, bot sich demnach beim Zerschneiden, Spreizen, Hochstemmen – kurzum: bei der fachgerechten Zerlegung von 43 Fahrzeugen. Sie sehen also, man legte auch in diesem Jahr wieder besonderen Wert auf Praxis und Spaß.

Station 1: Small Overlap – Verletzter am Fahrersitz eingeklemmt
Auf dem Terrain von Florian Prosch und Robert Schönberger, Station 1, wurden die Teilnehmer mit dem „Small Overlap“, ein englischer Begriff für die Subsumierung von Unfallkonfigurationen, bei denen ein Fahrzeug mit lediglich 25% Überdeckung auf ein Hindernis fährt. So wird zum Beispiel der Fall, wenn der Fahrer bei einem Auffahrunfall noch versucht nach links oder rechts auszuweichen, aber eben nicht mehr ganz am Fahrzeug vorbei kommt. Dabei wirken völlig andere Belastungen auf das Fahrzeug als bei einer größeren Überdeckung (Frontalunfall) und die eingebauten Sicherheitssysteme der Karosserie greifen nicht mehr. Einfacher gesagt: Bei der Übungsannahme hat man nachgestellt, dass ein Pkw mit hoher Geschwindigkeit im Bereich des Scheinwerfers gegen eine Betonleitwand geprallt ist und der Verletzte, in diesem Fall ein Dummy, im Bereich der Extremitäten Klemmungen erlitt. Die Vorgehensweise der Hilfskräfte stützte sich dabei strikt – wie im Theorieteil gelehrt – auf fünf Einsatzphasen: die Erkundung der Lage, das Sichern (Unterbauen) des Fahrzeuges sowie auf die medizinische Erstversorgung, das Befreien und schließlich das Retten des Verunglückten.

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Station 2: PKW gegen Baum, B-Säule stark deformiert, Person im Fahrzeug
Beim Seiten-Aufprall-Szenario schlug der Pkw im Bereich der Fahrertür, wo die Knautschzone sehr gering ist, gegen einen Baum, erklärte Patrick Allinger, B. Eng., neben Franz-Josef Fuchs, der zweite Ausbilder auf Station 2. Die Teilnehmer entfernten die Rücksitzbank und setzten einen hydraulischen Rettungszylinder diagonal ein, um den Pkw mittels „Crossramming“ wieder in seine ursprüngliche Form zurückzudrücken. Wie sich herausstellen sollte, eine falsche Strategie, die zu Übungsbeginn bewusst vom Ausbilder-Team vorgeschlagen wurde. Besser wäre es gewesen, sofort das Dach abzutrennen. Man hat damit anschaulich demonstriert: „Einsatzkräfte brauchen einen Plan-B und sollen den Mut haben, Entscheidungen eines Vorgesetzten zu revidieren, wenn es besser für den Verunglückten ist.“ Hauptziel bei dieser Übung war die Kommunikation unter den Teammitgliedern, so Allinger, „wobei im Besonderen der ‚Innere Retter‘ alle geplanten Maßnahmen, ehe sie passierten, kennen musste, da dieser ständig im direkten Kontakt mit dem Verletzten stand.“

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Station 3: Pkw gegen Traktor
Auffahrunfall, Pkw unter Pflug, starke Deformierungen im Dachbereich, drei verletzte Personen – kurz und prägnant erläuterte Philipp Schwarz, der mit Martin Grufeneder Station 3 betreute, das Übungsszenario: „Eine Person konnte mit leichten Rückenverletzungen relativ einfach und schonend gerettet werden.“ Hingegen schwieriger gestaltete sich das Vorgehen bei den zwei weiteren schwerverletzen Insassen: eine gepfählte und eine reanimationsbedürftige Person. Die Herausforderung lag im Priorisieren der medizinischen Versorgung wobei reanimationsbedürftige Personen zuerst durch eine Sofortrettung zu befreien sind. Besonders wichtig: das richtige Sichern der tonnenschweren Agrarmaschine.

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Station 4: Pkw steckt in Container
Bei der 4. Station steckte ein Pkw in einem Gebäude. „Das Bauwerk wurde durch die beim Aufprall erzeugte kinetische Energie stark beschädigt“, skizzierte Ausbilder Irakli West die angenommene Lage. Prinzipiell ging es für die Teilnehmer um das Arbeiten auf engstem Raum: es musste das Gebäude gesichert werden, ehe man sich zu den Verletzten, im und unter dem Fahrzeug vorantasten konnte.

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Station 5: Alternativen zur Hydraulik
Was tun wenn das bewerte Rettungsgerät an seine Grenzen stößt oder für gewisse Situationen ungeeignet ist? Wolfgang Scheureder und Kevin Riedl zeigten bei dieser Station an Schrottfahrzeugen Alternativen auf. Besonderer Wert wurde auf die Handhabung der Säbelsäge inkl. der für die unterschiedlichen Materialen passenden Sägeblätter gelegt. Auch der Umgang mit dem Halligan-Tool – benannt nach seinem Erfinder, dem New Yorker Feuerwehrmann Hugh Halligan um das Jahr 1940 – wurde trainiert.

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Station 6: Person unter Fahrzeug – Hebekissen
Die Lage erkunden, das richtige Gerät, aber vor allem die richtige Taktik zu finden versuchten die Teilnehmer auf der Station 6, wo ein Motorradfahrer unter dem Fahrzeug und eine weitere Person mit ihrem Arm eingeklemmt waren. Keine leichte Aufgabe für die Einsatzkräfte, versicherten Tanja Novotny und Cedric Schaadt – man musste das Wrack mit Unterleghölzern sichern sowie die richtigen Hebepunkte finden, um den Verletzten bei der Rettung keinen weiteren Schaden zuzufügen. Dabei zeigte sich eindrucksvoll, dass die Anwendung von geübten Standards nicht immer bei allen Lagen taugt.

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Station 7: Alternative Antriebe
Ihr Wissen über alternative Antriebe vermittelten Christoph Rothschedl und DI (FH) Florian Sperber (Station 7); sie zeigten an drei Fahrzeugtypen – Hybrid, Elektro und CNG (Erdgas) –, wie man die jeweilige Variante erkennt, auf welche Gefahrenquellen Einsatzkräfte achten müssen bzw. wie man diese isoliert. Unabdingbar in diesem Zusammenhang sei die Verwendung eines CRS-Systems (Crash Recovery System), sind sich die beiden Experten sicher. Durch die Verwendung solcher Fahrzeugdatenbanken erhalten Feuerwehren ein akkurates Rettungsdatenblatt mit umfangreichen Hintergrundinformationen für eine sichere und schnelle Unfallrettung.

TR-Camp - Station 7

Station 8: Lkw-Rettung: Immobilisierung
DI (FH) Martin Huber, MSc, Armin Reisinger, MBA und Harald Fischer assistierten die rasche, schonende und achsengerechte Rettung aus einem Lkw. Bei dieser Übung an der 8. Station gab der „Innere Retter“, sprich jene Einsatzkraft, die den Kopf des Verletzten fixiert, die Kommandos. Nach der Immobilisierung, Fixieren via Gurte am Spineboard, wurde der Verletzte aus der Fahrerkabine gehoben und über die Rettungsplattform den Sanitätern übergeben.

TR-Camp - Station 8

Resümee
Überdies hatte die FF Mooskirchen am Sonntag einen Besuchertag organisiert, wo sich Interessierte über Feuerwehrgerätschaften, aber auch generell über die Aufgaben der Feuerwehren informieren konnten. Mehr noch: Alle Übungsstationen waren, unter Einhaltung eines Sicherheitsabstandes, zugänglich.

Die Teilnehmer und das Trainer-Team waren voll des Lobes, ja eigentlich zeigten sie sich überwältigt von dem, was in Mooskirchen geboten wurde. Mehr oder besser kann eine Bewertung nicht ausfallen, meinte Bürgermeister und Eigentum-Vertreter LFR Engelbert Huber, der hohe Bereitschaft und viel Verständnis zur Umsetzung des TR-Camps entgegenbracht hatte, damit die notwendige Infrastruktur, das gesamte Areal im Schul- und Feuerwehrhausbereich, genutzt werden konnte. „Wir in Mooskirchen sind unheimlich stolz auf das FF-Team rund um die beiden Kommandanten, ABI Josef Pirstinger und OBI Ing. Philipp Müller.“

Text: FM Ing. Ewald Hofer